Orpheus One Head Show (Prolog im Foyer)

Talking Head Illusion (erkennbar billiger Bühnentrick) Orpheus (bzw. sein vermeintlich abgetrennter Kopf ) begrüßt das Publikum als Ghost Show Host, mit der schnarrenden, leiernden Stimme eines Moritatensängers oder Jahrmarktsausschreiers. Dazu: knarzender Kontrabass-Loop.

Orpheus: „Lass von Orpheus mich, Mutter Muse, beginnen: Orpheus, das bin ich, der ewige Dichter der Welt oder vielmehr das, was von ihm übrig blieb, nachdem ihn manische Mänaden zu Madenfraß verhackstückt haben… Je suis votre corpserencier tonight, Ladies and Jellyspooks, welcome to Orpheus’ One-Head Show! Nichts für schwache Nerven: der impotente Seelenretter – präsentiert als Herzblut-Splatter! (Denn nur mit Grand-Guignol kriegt man die Bude voll, was, haha…)

Sssschhh, was war denn das? Hören Sie das auch, den Grabgesang der Grasblätter auf der anderen Seite des Mondes? The HOWL of EVIL FLOWERS in the WASTE LAND of waking nightmares? Thrills! Chills! Schivers! Shudders! Schattenspuk und Fieberschauer, prepare to be aufs Innerste erschüttert! Gleich führ ich Sie den fahlen Pfad hinab, ins finstere Herz der Poesie, to the Haunted Palace of Poetry… Zum Zerreißen gespannt sind die Nerven, gerissen die Saiten, doch unbeirrbar schlägt auch das abgeschlagene Haupt noch die Leier – von Zerreißproben sing ich, die niemand besteht. Only Orpheus can guide you, only Orpheus can heal you – lassen Sie sich obskurieren, im Kurhotel der Hölle für eine Saison, in Hades Hallen der Halluzination…Brennen Sie mit uns, nach allen Regeln der Kunst!

Also dann: Wie viel ist Ihre Erlösung wert – it’s priceless, isn’t it? Well, my frightened friend, sei unverzagt, für wenig Geld gehts gleich in eine Anderswelt! ein Obolos genügt für Orpheus, ein paar Zerquetschte für den Zerrissenen – für Ihre Münzen drücke ich doch gerne beide Augen zu, Haha – Reise in den tiefsten Kreis zum Tiefstpreis! Gehen wir auf Tauchstation – Eurydike, wir kommen!

Haltungswechsel

Pardon, ich scheine poetisch etwas abgeschlagen zu sein… einfach zu verkopft heute, zu abgeschnitten vom Bauchgefühl (steht auf und läuft verwirrt herum) und überhaupt fürchterlich zerstreut, in letzter Zeit, ganz zersplittert im fraktalen Alltagsstress…Sekunde, ich muss dringend meine Mails abrufen…Wo ist denn mein …Grad lag es doch noch hier…Das kann ja wohl nicht wahr sein… Haben Sie vielleicht mein Smart… Oha, was ist denn das hier? (Hebt ein Plastik-Ohr hoch) Jetzt ist auch noch mein Ohr abge— ach nein, das ist ja gar nicht meins. Mmmh. Das muss dann wohl das Ohr von Vincent sein…Sie wissen schon (führt das Ohr an sein eigenes Ohr wie eine Meeresmuschel, deren Rauschen er vernehmen will) „So ist nie gedichtet, nie gefühlt, nie gelitten worden…“ Bah, diese Art Rausch ist ja schlimmer als Tinnitus! Wer sich heute noch Beine ausreißt und Ohren abschneidet für die Kunst, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen! Ja gut, ich hab den Kult der Selbstzerfleischung begründet, aber irgendwann reicht es auch. Der hohe Baum im Ohr ist auf dem absteigenden Ast. Ich bin trotzdem noch eine Leitfigur (Leidfigur), wenn auch auf Leiharbeiterbasis… Ich steige ab und steigere die Produktion. Homer singt Blindtext, doch berührt fühlt sich der Touchscreen, nicht das Publikum. Eieiei, was mach ich denn jetzt nur; ich hab Ihnen ja einen Gang in die Unterwelt versprochen, dabei klappere ich vor Abstiegsangst, sehen Sie nur … Haben Sie doch Erbarmen! Ich erbitte Absolution vom Absoluten und eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Sie erwarten zu viel von einem abgetakelten Orakel wie mir! Orphische Mysterien? eine Einführung ins Hysterium kann ich Ihnen geben. Geheimnisse einer Krämerseele. Ich lese meine Sätze im Coffee-to- Go, während ich Minervas Eulen nach Athen trage, ins krisengeschüttelte. O Gaukelorpheus aus der Rumpelkammer, dein Ruhm zerrissen, dein lebend Theater, im Hypertext zerschreddert, der Plastiklorbeer stammt aus dem Ein Euro Shop… Ach du lieber Himmel, genug der Tiraden. Nichts bleibt mir als zurückzuholen, was immer wieder geht verloren – denn nur das Verlorene bringt uns auf Trab, was Pegasus (setzt sich eine Grubenlampe auf, Pegasus kommt dazu) Neues Spiel, neues Glück, wagen wir einen erneuten Gang in den Abgrund – denn das ist die eigentliche Arbeit der Poet*innen, müssen Sie wissen – Verschüttetes bergen, gegen den Lethestrom schwimmen, Erinnerer sein für das, was die Menschen zu gerne vergessen. Ist das vermessen? Vermessen sind nur die vermessenen Leben. Ich geleite Sie nun in die Schwellenzone schwelender Sehnsüchte, ins Schattenreich jener schamlosen Schemen, die den Bann der seienden Dinge zu brechen wagten, in den Club der toten Dichter – und Seien Sie bitte ganz Ohr und bleiben Sie schön zusammen, es könnte unbehaglich werden… Und auf keinen Fall zurück blicken!”

Text: Maria Jamborsky

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