Text: Maria Jamborsky.

Voice-Over Cravan: “Dezember 1916. Auf dem Weg in die neue Welt… Ich hatte mich auf der „Montserrat“ eingeschifft, einem Transatlantikdampfer, der schon bessere Tage gesehen hatte. Die See war aufgewühlt und ein Sturm zog auf. Wir waren die beiden einzigen Männer an Deck. Der Knabe neben mir schien sehr vertieft zu sein… Er murmelte irgendwas von permanenter Revolution oder so…”

Trotzki/ Musiker:

Die permanente Revolution… Der Kapitalismus entwickelt sich zu einem Weltsystem. … Einzig die internationale, permanente Weltrevolution….Nur die permanente Revolution kann…“

Cravan (räuspert sich):

„Gestatten: Towarischtschschschschsch Artur Kravanin, Boxer, Gelegenheitsdichter und Neffe von Oscar Wilde. Ich bin jemand, der auch permanent revoltiert…“

Trotzki:

„Ach herrje, ein Künstler. Leider ist die heutige Kunst noch immer von der bürgerlichen Klasse abhängig.“

Cravan:

„Oh ich kann Ihnen versichern: dieser Versklavung habe ich mich bereits erfolgreich entledigt! Das tiefseelische Gewirre und abstrakte Gefasel der bourgeoisen Artisten werden Sie bei mir nicht finden. Kravanins Kunst wirkt wie ein Tauchbad in Säure, wie ein Pflastersteinwurf in die Fresse…“

Trotzki:

„Ja ja, aber die einzige wirkliche oppositionelle Kraft ist die Arbeiterklasse. Gerade ihr Künstler solltet euch von den Ideen der arbeitenden Menschen erfassen lassen und sie im Kampf gegen die Ausbeutung unterstützen… Wo war ich: Die proletarische…“

Cravan:

„Aber Herr Trotzki: Die Ideen der arbeitenden Klasse haben doch hoffentlich nichts mit ARBEIT zu tun? Sie wissen doch: Work is the curse of the drinking classes! Hahaha, hat mein Onkel Oscar immer gesagt! Na Herr Trotzki so ein Wodka in Ehren, was, he?he?/sie wissen schon…wásche zdarówje…Was halten Sie also von meinem Konzept der permanenten Arbeitslosigkeit, Herr Trotzki?

Trotzki:

„…Die Weltrevolution ist kein Variétéwitz, junger Mann. Und jetzt lassen Sie mich bitte weiter arbeiten.“

Cravan:

„Aber ich bin vollkommen Ihrer Meinung. Bisher hat die Welt immer die Künstler ausgebeutet - Es wird höchste Zeit, dass wir Künstler die Welt ausbeuten!“

Trotzki:

„Niemand soll hier irgendwen ausbeuten! Wir versuchen die Idee der Ausbeutung ein für alle mal auszumerzen! Wenn Sie unbedingt jemanden ausbeuten wollen, dann gefälligst sich selber!

Cravan:

„Na nun wettern Sie mal nicht, Herr Trotzki. Das war doch nur eine kleine Wortspielerei… Ich glaube wie mein Onkel Oscar daran, dass wir nur durch den Sozialismus zu einem echten Individualismus gelangen können!“

Trotzki:

„Was ist denn das jetzt schon wieder für ein konterrevolutionärer Quark? Der egozentrische Individualismus geht mit der Entwicklung des Kapitals Hand in Hand! Opferbereitschaft? Idealismus? Solidarität? Sind Ihnen diese Begriffe denn vollkommen fremd?“

Cravan:

„Mich beschleicht das Gefühl, dass Sie mich nicht leiden können, Herr Trotzki.

Trotzki:

„Haben Sie auch nur den geringsten Dunst von der Logik des Klassenkampfes?“

Cravan:

„Ich reise immerhin grad in der Dritten Klasse, komisch, dass ich Sie da unten im Schiffsbauch noch nicht gesehen habe!“

Trotzki:

„Ach ja? Und ich dachte, sie wären ein blinder Passagier. Jemand der so blind ist für die weltpolitische Lage wie sie—“

Cravan:

„Ach ja, und wissen Sie, was ich Ihnen prophezeie? Ihre komische permanente Revolution wird sich tatsächlich irgendwann durchsetzen aber nur innerhalb eines weltumspannend triumphierenden Kapitalismus!“

Trotzki:

„Also jetzt platzt mir aber der Kragen!“

Cravan:

„Und wissen Sie auch wieso? Weil Cäsar Kapitalismus nichts verkommen lässt, was noch Profit abwirft! Und weil er ausnutzen wird, dass proteische Individualisten wie ich—Oh – Sehen Sie auch was ich grad sehe? New York, New York – I should like to inhabit you! New York! Danke Danke Danke…Ich spüre wie du meine Ankunft erwartest!”

 

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