Margaret (Maggie) Scrub, Eigentümerin der Scrub &  Waggle Company (Komplettanbieter von Reinigungsmitteln und Hygieneartikeln) hat den Scrub & Waggle Art Award For Emerging Artists ausgelobt, um das etwas angestaubte Image ihres Unternehmens aufzupolieren. Die fünf Finalisten des Kunstpreises werden durch eine Art bizarres Assessment-Center gejagt, in dem vor allem ihre kreative Kompetenz auf dem Prüfstein steht. Das stressintensive Auswahlverfahren erstreckt sich über mehrere Tage und wartet mit diversen Leistungstests und gruppendynamischen Aufgaben auf. Bei den Aspiranten handelt es sich übrigens um vier berühmte historische Künstlerpersönlichkeiten, die quasi am Beginn ihrer „Karriere“ stehend ins Spiel gebracht werden (Sir William Shakespeare, Edgar A. Poe, Frida Kahlo, Andy Warhol) sowie um einen Kunst-Absolventen der Gegenwart. Alle fünf sind Imagespezialisten, alle fünf durchaus belastungs- und willensstark. Doch nur eine/r von Ihnen kann den Preis mit nach Hause nehmen. Und da ist auch noch das ominöse Mantra der beinharten Kultursponsorin - “Eine Hand wäscht die andere.“ … welches einigen Interpretationsspielraum lässt.

SCRUB AND WAGGLE ist ein surrealer Comic-Strip, der die Tücken des Corporate Sponsoring aufs Korn nimmt und eine ganze  Bandbreite künstlerischer Selbst-Verhältnisse durchdekliniert. In den Spannungsfeldern von sozialutopischen Ansprüchen und ökonomischer Schieflage, pathologischem Narzissmus und ästhetischer Vision wird den Akteuren auf jeden Fall einiges abverlangt.

Text & Inszenierung: Maria Jamborsky (engl. Text für William Shakespeare: Justin Beard)
Mit: Justin Beard, Bernhard Lütke, Angi Mandolini, Robert Rating, Tim Schneider, Josefine Schönbrodt, Florian Steffens, Rodrigo Umseher, Sebastian Zimmler
Video: Carola Hesse, Bernhard Lütke, Atilio Menéndez
Musik/Sound: Bernhard Lütke, Tal Kirshboim
Bühne: Tom Kühne, Justin Beard, Tim Schneider
Layout: Max Adam
Technik: Georg Losch

Premiere am 13. März 2009 im Gaya Theater.

photos by Jessica Dürwald & Sebastian Klatt

 

Skriptauszüge

Fernseh-Moderator Edward R. Digdeeper: “Beginnen wir wie immer mit einer interessanten Anmerkung unseres SPONSORS: Haben Sie schon SCRUB & WAGGLE’S BOMBASTIC BATH BOMB SPLASH getestet? – Eine Traditionsmarke, die trotz ihres Alters noch üppig überschäumt. “Marshmallow”-Badebomben von SCRUB & WAGGLE verwandeln jedes Badewasser in eine blubbernde Zuckerwatte-Apokalypse! Ja, besser eine Badebombe krepieren lassen, als ein Versuchstier im Labor, was? Hahaha. Wo war ich? Ach ja: BUY SCRUB & WAGGLE’S BOMBASTIC BATH BOMB SPLASH – FOR COTTON CANDY BATHTUB EXPLOSIONS. Puh, so, das hätten wir jetzt erst mal erledigt. Und worum geht es wohl heute hier und jetzt in unserem sprudelspritzigen Reality-Infotainment-Programm? Na? Es gibt einen FÖRDERPREIS zu gewinnen, meine Damen und Herren. Unser so überaus generöser Sponsor, die SCRUB & WAGGLE CORPORATION hat ihr Herz entdeckt – nicht für Hunde oder Katzen – nein, für die ganz bestimmt nicht, was, hahaha – oh nein, sondern für junge aufstrebende Kulturproduzenten. FÜNF Ausnahmetalente sind bereits bestimmt worden und wir hier von INSIDE THE PROCESS werden live dabei sein, wenn es heißt: Wer den Kern essen will, muss die Nuss knacken!”

(…)

Margaret Scrub: „Liebe Finalisten. Ich weiß ja, dass Sie aus den überfüllten, jedoch karg genährten Fischteichen des Kunstsystems stammen. Aber Meisterwerke werden nun mal nicht in der Komfortzone geschaffen. Der Scrub & Waggle Art Award For Emerging Artists gebührt jedenfalls einer funkelnden Persönlichkeit, die mit schillernden Glanzleistungen aufwartet und durch eigenverantwortliches Krisenmanagement glänzt.”

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Test Nummer Eins: Die Selbstpräsentation

Thilo Hartmann, zeitgenössischer Kunst-Absolvent: “Zur Zeit arbeite ich an der Installations-Performance „EMPTY ROOM 2.0.” Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine Weiterentwicklung und Radikalisierung der Londoner “EMPTY ROOMInstallation von Martin Creed, welche ja 2001 den Turner Prize bekommen hat.“ Mrs. Scrub: „Herr Hartmann, aber sagen Sie mal, was unterscheidet denn eigentlich ihre „EMPTY ROOM“ Installation von derjenigen aus London?“ Hartmann: „Wissen Sie, meine „EMPTY ROOM“ Version ist weitaus kompromissloser, ja verstörender, da die Scheinwerfer komplett wegfallen, so dass der hier kreierte posthistorische Bedeutungsraum geradezu ALTERNATIVLOS hervortritt.“ Mrs. Scrub: „Herr Hartmann, und was heißt das jetzt?“ Andy Warhol: „Dieser Raum ist nicht nur leer, sondern auch dunkel.“ Mrs. Scrub: „Ah verstehe.“ Hartmann:„Äh nein nein, so einfach ist das nicht. Es ist vielmehr so dass – Also alle meine Raum-Installationen leben von Irritationsstrategien. Auf den ersten Blick asketisch, sauber und belastungsstabil… aber bei näherem Hinsehen polyvalent und vielschichtig fluktuierend… so wie auch – ja da fallen mir eigentlich nur Scrub & Waggle Produkte ein, als ein adäquates Vergleichsobjekt…So wie Scrub & Waggle Produkte auf das GANZHAUTLICHE Befinden des Menschen einwirken und dabei zugleich ein ganz unverwechselbares Fluidum verströmen – und damit meine ich jetzt nicht nur ihre Zitrus-Fragrance… und so wie sich S & W Produkte epiphanisch-schäumend im Nichts auflösen – ganz so wirken und emanieren meine eigenen Arbeiten auch. Auch aus diesem Grund habe ich mich  ganz gezielt bei IHNEN um eine monetäre Zuwendung beworben.”

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Mrs Scrub: “Und jetzt der Rest vom Schützenfest, der Herr da hinten bitte.” Edgar A. Poe: “Mein Name ist BARNABAS SCHÜTZENWERTH, und ich gelte als einer der wohlhabendsten und achtenswertesten Bürger von SCHNATTERBURG. Werde bald eine tüchtige Summe Geld erben.“ Mrs. Scrub: „Das stimmt ja gar nicht.“ Poe: „Nun, dann sehen Sie in mir einfach irgendein Individuum, das sich, offenbar sehr zu seinem eigenen Behagen, den Namen „OPPODELDOC“ beigelegt hat. Oppodeldoc. Mr. Oppodeldoc. Mmh. Ja, wer bin ich denn nur? – der DUC DE L’OMELETTE vielleicht? Lassen Sie mich noch einmal nachsinnen, das braucht seine Zeit… Ach so! Ich bin BEELZEBUB, Prinz der Unterwelt… Bei meiner Seele, jetzt entsinne ich mich wieder! Mein wirklicher Name ist ARTUR GORDON PYM und mein Wohnsitz ist in EDGARTOWN. Wie konnte ich das nur vergessen. Oder doch nicht? Ach mein Gedächtnis ist schwach geworden durch vieles Leiden. Erlaubt, dass ich mich EDGAR ALLEN P—ERRY nenne. Die REINE schöne Runde hier soll nicht mit dem Klang meines  wahren Namens BEFLECKT werden. Selbst wenn ich könnte, würde ich es doch vermeiden, ausgerechnet HIER von dem unaussprechlichen Elend meiner letzten Jahre zu reden. Wollen Sie wirklich wissen, wer ich bin, Madame? Wollen Sie hören, dass ich ein unverbesserlicher Opiumesser bin, geknechtet von wahnsinnigen Launen, trunksüchtig und verfemt, unnatürlichem Trübsinn verfallen, ewig HUNGRIG und ewig blank, BLITZEBLANK gewissermassen, ach —Verworfenster aller verlassenen Verworfenen – Bist du für die Welt nicht längst auf immer tot? Tot für ihre Ehren, ihre Blumen, ihre goldenen Hoffnungen? WAS SUCHST DU HIER?”

(…)

Test Nummer 5: Die Finalisten produzieren ein Kunstwerk zum Thema “Reinheit”

Mrs. Scrub: “So, jetzt haben wir es ja fast geschafft. Der letzte Kandidat bitte. Herr Poe, und – was haben Sie produziert? Poe: „Ich habe ein Gedicht verfasst, dass Aufsehen erregen wird, Madame. Hören Sie nur: Als um Mitternacht ermüdet ich das düstre Haus gehütet…“ Mrs. Scrub: „GEREINGT. Das düstere Haus zu reinigen und auszulüften, das wäre doch wohl angebracht, oder nicht? Poe: „…Als um Mitternacht GEPEINIGT ich das düstre Haus GEREINIGT, Als ich schon mehr schlief als wachte, war mir, eh’ ich’s noch bedachte, So, als klopfte jemand sachte, sachte an die Zimmertür…“ Mrs. Scrub:„An was für eine Tür denn? An die Badezimmertür vielleicht? Na, wie wär das?“ Poe: “Irgend ein Besucher”, murrt ich, “klopft an meine BADEZIMMERTÜR, Das wird’s sein, nichts weiter mehr. Wohl hab’ ich’s im Sinn behalten, im DEZEMBER war’s, im kalten—“ Mrs. Scrub: „Oder war’s im SOMMERWIND, im aquafrischen, kuschelweichen?“ Poe: „Das bringt das Versmaß durcheinander, Madame. Könnten Sie sich wohl zügeln?  — Doch wie ungeduldig sehnte ich mich nach dem Tag, als fände, mit ihm meine Qual ein Ende um LENOR, die weit von hier—„ Mrs. Scrub: „Na endlich mal eine vernünftige Ansage, junger Mann! LENOR spült weich und weiß zugleich.” Poe (verwirrt) „— Um LENOR, DAS MÄDCHEN, das nun Engel preisen, weit von hier—“ Mrs. Scrub: „Versuchen Sie es doch mal damit: Ich fühle mich wohl in LENOR.“ Poe (versonnen): „Ja, oh ja, ich FÜHLTE mich sehr wohl in LENOR … Äh wie? Wo war ich? — Doch da! SCHRECKENSBILDER ließ mich sehen eines Purpurvorhangs Wehen…“ Mrs. Scrub: “Oder FLECKENSBILDER, Herr Poe? Ich wette ihr Purpurvorhang ist mit lauter Griffspuren bedeckt!“ Poe: „Danke. Fleckensbilder ließ mich sehen— aber nein doch, Herrgott, Sie bringen mich ja ganz durcheinander! SCHRECKENSBILDER — SCHRECKENSBILDER – sie umhüllten und erfüllten mich mit banger Furcht so WILD —„ Mrs. Scrub: „— Da hilft nur mein Fleckentferner SEIFENSANFT & BALSAM-MILD…“ Poe: „Jetzt reicht es aber! Ich bin ein UNABHÄNGIGER Dichter! Und ich vertrete hier die REINHEIT meiner KUNST, die REINHEIT der POESIE! Begreifen Sie doch endlich! Ich glaube an ART FOR ART’S SAKE und nicht ART FOR AD’S SAKE! Also unterlassen Sie Ihre unqualifizierten Einwürfe! Auf warf ich den Fensterladen; flatternd und mit Flügelschlagen Trat ein Rabe ein –” Mrs. Scrub: „Bitte? Eine Schabe? Eine SCHABE trat ein? Wie ekelhaft, Herr Poe!“ Poe: „Nein, keine Schabe, ein RABE, ein RABE!“ Mrs. Scrub: „Aber wenn es schon ein Vogel sein muss, warum trippelt denn dann kein strahlend weißes Täubchen herein?Formulieren Sie es doch so: Trat herein – eine seifenweiße Taube – auf dem Kopf ne Badehaube…“ Poe: „— Doch mein Staunen war unendlich, denn das Tier, es sprach verständlich, Schien die Antwort auch ein wenig dunkel und etwas verquer—Sprach der Rabe: NIMMERMEHR!“ Mrs. Scrub: „Aber warum denn NIMMERMEHR? Das Täubchen könnte doch auch gurren: IMMER MEHR. IMMER MEHR. IMMER MEHR SCRUB & WAGGLE PRODUKTE KAUFEN!“ Poe (stürzt sich auf Mrs. Scrub)„Sei dies Wort das Trennungszeichen! Vogel, Dämon, Du musst weichen!… Fort und lass mein Herz in Frieden, das gepeinigt du so sehr! Du altes RABENAAS—„

Bizarres Wrestling-Match zwischen Poe & Mrs. Scrub; letztere gewinnt, nachdem Sie den Dichter mit ihrem Allesreiniger in die Augen gesprüht hat

 

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