Premiere am 03. September 2011 im Bat Studiobühne der HfS „Ernst Busch“.

Der Schweizer Skandalkünstler und Amateur-Boxer Arthur Cravan (1887-1918) verbrachte die größte Zeit seines Lebens on the road and on the run, bevor er schließlich auf Nimmerwiedersehen im Golf von Mexiko abtauchte. Er hinterließ kaum mehr als eine Handvoll Gedichte; die Mythen um seine Person wucherten dafür umso üppiger. Im Grunde lieferte jenes spurlose Verschwinden nur das passende Finale einer Existenz, die sich vor allem über Strategien der permanenten Identitätsauflösung definiert hatte. Cravan gilt inzwischen als ein wichtiger Vorreiter von DADA und Anti-Kunst, ein Performancekünstler avant la lettre, der provokante „Lectures“ und Schaukämpfe veranstaltete und überhaupt das eigene Leben zum Aktionskunstspektakel trimmte. Exhibitionismus und Subversionslust waren die Triebfedern seiner Ästhetik. Schon André Breton erblickte in ihm eine Art „Barometer der Avantgarde“ und gerade in den letzten Jahren ist Cravan zunehmend im Internet (wieder-)entdeckt worden. Attraktiv macht ihn natürlich sein programmatisches Grenzgängertum, aber auch die hybride Selbstinszenierung als „Boxer-Poet“, der dandyhafte Künstler-Attitüde mit der explosiven Körperpräsenz des Kraftsportlers kombiniert. Cravan ließ bereits den Warholschen Horizont des „Business-Künstlers“ erahnen und schockierte mit aggressiver Eigenvermarktung. Immer wieder posierte er als Zampano, der das Kunst-Establishment seiner Zeit vermöbelt und sich im Alleingang und in Gesten ständiger (Selbst-) Überbietung zu bewähren weiß.

Das Stück Die unheimliche Wiederkehr des Arthur Cravan lässt den Verschollenen groteskerweise rund hundert Jahre später wieder auftauchen (und das ganz buchstäblich!): Ausgerechnet in Berlin, der Welthauptstadt des Kreativ-Prekariats, um ihn dort mit der (Über-)Verwirklichung bestimmter Visionen und einer expandierenden Kunstwelt zu konfrontieren. Die Identitäts- und (Über-) Lebensstrategien, mit denen Arthur Cravan seiner Zeit vorausgeeilt war – seine radikal nomadische Existenzweise, Selbstverwirklichungspopanz und Distinktionswut, überhaupt die verzweifelte Anhäufung von Imagekapital bei gleichzeitiger Selbst-Prekarisierung – all das scheint nun mehr zur Grundausstattung und Alltagsnormalität der spätmodernen Lebenskünstler*innen zu gehören. Allerdings hatte sich der historische Cravan eher als heroisches Ausnahmesubjekt geriert und sein Kunstwollen vor allem in der Negation, im Nicht-Diskurstauglichen verankert. In Die unheimliche Wiederkehr des Arthur Cravan geht es daher um ein Gedankenexperiment: Wie reagiert der wilde Vorreiter von einst auf die kulturwirtschaftlich Domestizierten und die Standardisierung kritischer Denkweisen? Entspricht die instantane Kommunikationskultur der flüchtigen Moderne tatsächlich jener Stoßrichtung, die der Publizist des „Jetzt!“ Magazins eingeschlagen hatte? Und kann es sein, dass in der hoch individualisierten Gesellschaft kaum noch Individualisten zu finden sind? Die historische Avantgarde hatte davon geträumt, von der Kunst aus eine neue Lebenspraxis zu organisieren (und sich dabei durchaus fragwürdigen, gewaltexzessiven Positionen korreliert). Hundert Jahre später scheinen zwar viele der einstigen Postulate und Visionen eingelöst – bestimmte Freiheits- und Autonomiebedürfnisse aber immer noch (oder vielmehr neuartig) bedroht. Das Stück Die unheimliche Wiederkehr des Arthur Cravan versucht der Frage nachzugehen, inwiefern es ein revolutionärer Akt sein kann, sich bestimmten Innovations- und Interaktionsanmutungen zu entziehen, wobei auch Jean Baudrillards These von der „Kunst des Verschwindens“ herangezogen wird.

Text und Regie: Maria Jamborsky
Es spielen: Florian Steffens (Arthur Cravan) & Robert Rating (u.a. Wilde, Trotzki)
Musik: Florian Metzger, Robert Rating & Carlos Santana
Assistenz: Maria Matzke
Set, Kostüm  & Masken: Kyla Kegler, Viola und Martin Jamborsky
Video: Kay Möpert, Radha Mateva, Anja Gombos
Technik: Benjamin Menzel, Fabian Buntrock, Carola Caggiano
Layout: Max Adam

Darsteller im Video: Patrick Bartsch, André Kaczmarczyk, Mario Klischies, Georg Losch, Marton Nagy, Bernardo Arias Porras, Kilian Ponert, Anne Schirmacher

Premiere:
am 03. September 2011 im Bat Studiobühne der HfS „Ernst Busch“
weitere Vorstellungen:
am 04. September: im Bat Studiobühne der HfS “Ernst Busch”, am 07.und 08. September, sowie am 23.November: im „Zuhause Theater“ Alte Kindl Brauerei, am 15. Dezember: Heimathafen/ Saalbau Neukölln, am 13.Januar 2012: UT Connewitz in Leipzig, am 24.Februar 2012: im Hebbel Theater (100° Festival)

photos by Tillmann Engel & Johanna Landtscheidt

 

 

Categories: Projekte